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Fastenzeit: Fleischlos. Zuckerfrei. Offline.

Die Fastenzeit ist die Zeit der Entbehrungen. Nach Weihnachtsgans, Silvesterfondue und maßlosem Kamelle- und Alkoholkonsum zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch beginnt für Detox- und Diätanbieter die lukrative fünfte Jahreszeit. In sozialen Netzwerken wechseln sich Posts aus dem Sportstudio und Ergebnisse von der Smartwatch ab, während sich Anhänger des multimedialen Home Entertainments mit Daniel und Detlef krass und sexy streamen. Auch unser Team in der Agentur hat seine Ziele: Die einen verzichten auf Zucker und Fleisch, andere auf Alkohol, einige auf Kaffee, andere auf alles. Aber wie sieht es aus mit digitalen Entbehrungen? Immer online. Immer digitaler Zucker. Ist das eigentlich gesund? Niemand in meinem Umfeld sagt voller Überzeugung: Ich verzichte auf Facebook. Oder: Ich lese nach Feierabend keine Mails mehr.

Während ich diesen Blogeintrag schreibe kommen neue Facebook-Posts von Freunden, die in Südafrika und Mexiko gerade Urlaub machen, habe ich etwa 14 Fenster auf zwei Monitoren geöffnet. Darin beobachte ich unter anderem Google Analytics und Facebook, Ressourcenplanung und E-Mails. Chatfenster von Kollegen poppen auf. „Wichtig!“ steht darin. „Dringend zurückrufen“. „Vor 10:30 Uhr melden“. Nach Feierabend werden nochmal E-Mails kontrolliert und beantwortet. Und in den Whatsapp-Gruppen geht es auch rund. Muss ich da antworten? Wann muss ich antworten?

Digitales Fasten ist nicht so neu wie ich dachte. Und ich dachte sogar noch viel zu klein. Digital Detox gibt es heute in Seminaren, Camps und Büchern, so zahlreich abgefüllt wie neuzeitlicher Hipster-Gin. Ein Wikipedia-Eintrag zu Digital Detox widmet sich seiner Erklärung. Also muss da ja was dran sein. Oder ist das nur Mode?

Schnell wird klar: Keine Mode. Zumindest keine sinnlose Mode. Es fällt schwer loszulassen, weil uns die Digitalisierung vorgaukelt, dass wir jederzeit und überall alles unter Kontrolle haben können. Wir sind es gewohnt, schnell zu reagieren und erwarten unsererseits eine schnelle Reaktion. Offenbar arbeitet eine erstaunliche Anzahl an Menschen bis spät in die Nacht vom Mobiltelefon aus und prüft noch vor dem Zähneputzen am Morgen die Mails. Ich frage mich. Ist das überhaupt vermeidbar? Zahllose Apps schicken uns Push-Nachrichten um uns daran zu erinnern, dass sich die Welt in einem ungeheuren Tempo weiterdreht: Newsticker, Whatsapp, Flugangebote, E-Mail, Paketzustellung. Pling! Pling! Pling! Pling! Pling! Als würden sie uns ermahnen: Hey, willst Du das Leben verpassen? Aber wo findet das Leben denn bitte statt? Im Nachrichtendschungel des Smartphones? Die Angst vor der Frage „Hast Du das etwa noch nicht gehört?“ treibt uns an. Und die Verschmelzung der privaten und beruflichen Digitalisierungsströme in einem Smartphone erschwert die Entkopplung vom Geschäftsalltag. Vielleicht gilt dies umso mehr in Berufen, wo wir nicht nur täglich nach Neuem, sondern vor allem nach Inspiration Ausschau halten. Und ganz nebenbei spielt da auch die gefühlte Erwartungshaltung der Kunden ein Rolle: Am liebsten 24/7 erreichbar.

Mobile Kommunikation verbindet Arbeit und Privates, weil wir es gewohnt sind, beides über das Mobiltelefon zu bewältigen. Eben noch kurz ein Facebook-Post aus dem Urlaub in Südafrika, dann ein Retweet zur Pressemitteilung und als nächstes eine Mail beantworten. Gibt es ein Problem, rufen wir schnell mal im Büro an. Ist ja sonst unfair den Kollegen gegenüber. – Falsch. Unfair wäre es nur, die Urlaubsübergabe zu versäumen und dadurch Kunden und Kollegen im Regen stehen zu lassen.

Die langfristigen Folgen: Mangelnde Konzentrationsfähigkeit, chronischer Stress, psychische und körperliche Erkrankungen wie Burn-out und Depressionen, Bluthochdruck und Magen-Darm-Beschwerden, berichtet das Online-Portal t3n: Mit durchschnittlich 25 Tagen je Krankheitsfall seien die Krankschreibungen langfristiger als bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zitiert es den Fehlzeiten-Report 2012 der AOK. Und der Fehlzeiten-Report 2015 konstatiert: „Übermäßige Nutzung der digitalen Medien ist bei jedem fünften Auszubildenden zu beobachten.“

Unternehmen wie zum Beispiel Daimler oder Volkswagen haben die Risiken nach dem Bericht des Magazins bereits vor längerer Zeit erkannt und unterbinden daher die Mails in den Feierabend bzw. in den Urlaub. Nach dem Motto: „Wer seine Beschäftigten also zum Abschalten ermutigt, hat langfristig mehr von ihnen“.

Aber wie sollen Mitarbeiter heute das richtige Maß finden? Der digitale Fortschritt ist verhältnismäßig jung, er kam schnell und wird noch schneller. Eine technologisch-evolutionäre Entwicklung, in der sich die Menschen erst noch finden müssen. Es gibt keine Vorbereitungskurse und keinen Führerschein.

Wenn wir uns ab und zu vom fettreichen Datenbuffet übersättigt fühlen, sollten wir das Fasten allerdings auch ehrlich meinen: Nicht nur E-Mails aus, sondern auch Spiegel, Facebook, Tinder und Co. Fällt dies zu Beginn noch schwer, können wir uns Regeln setzten, die das bewusste Offlinegehen vereinfachen, beispielsweise Phasen definieren und nach dem Abendessen komplett abschalten. Im Feierabend, im Urlaub und bei Krankheit sollten geschäftliche E-Mails tabu sein. Klare Grenzen sorgen für eine entsprechende Erwartungshaltung bei Kollegen und Kunden. Rausgehen und Menschen treffen, statt online gehen und Neuigkeiten konsumieren, bringt darüber hinaus ein verlorengegangenes Gefühl zurück, nicht nur Zuschauer des Lebens zu sein, sondern aktiver Teilnehmer. Angenehmer Nebeneffekt: Sie vergessen das Smartphone.

P.S.: Für hartnäckige Digital-Junkies habe ich übrigens zwei Anbieter von Digital Detox-Seminaren gefunden: The Digital Detox und OFFLINES,

Frohes Fasten!

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